Jordanien – Vor und Frühgeschichte (ca. 700.000 – 3200 v. Chr.)
Wie für alle historischen Epochen, muss man die Vor- und Frühgeschichte Jordaniens im Zusammenhang mit jener der umliegenden Region des Nahen Ostens bzw. der Levante sehen, insbesondere Syriens und Palästinas. Hier sind die meisten Fundstellen aus der Steinzeit entdeckt worden. Jordanien ist zwar eher ein Randgebiet, nichtsdestotrotz hat man auch auf dem Boden des heutigen Jordanien sensationelle Funde ans Tageslicht bringen können.
In zweierlei Hinsicht ist der Nahe Osten prähistorisch interessant. Zum einen scheinen bereits in der Altsteinzeit (Paläolithikum, ca. 700.000 – 16.000 v. Chr.) und in der Mittelsteinzeit (Mesolithikum, ca. 16.000 – 8.500 v. Chr.) erste Jäger und Sammler durch dieses Gebiet gezogen sein. Die Levante war eine Art Brückenkopf zwischen Afrika und Eurasien. Für die Verbreitung der Hominiden war es eine wichtige Region. Die Aufenthalte der Frühmenschen lassen sich an den Spuren, Steinwerkzeugen und Knochenfunden verschiedener Lagerplätze nachweisen. Zeitweise lebten der frühe Homo Sapiens und der Neanderthaler gemeinsam in dieser Region. Ob es hier zu Vermischungen oder zu Konflikten kam, weiß man nicht. Begegnungen wird es wohl sehr wahrscheinlich gegeben haben.
Zum anderen ist diese Region des Nahen und Mittleren Ostens interessant, weil sich hier an mehreren Fundorten archäologisch nachweisen lässt, wie sich während der Jungsteinzeit (Neolithikum, ca. 8500 – 4000 v. Chr.) die sogenannte „Neolithische Revolution“ vollzog (d.h. der Übergang von der Lebensweise der Jäger und Sammler zur Wirtschaftsform des Ackerbaus und der Viehzucht bzw. von der Nahrungssuche zur Nahrungsproduktion).
Bei der Felsenstadt Petra wurde ein frühzeitlicher Siedlungsplatz aus der Jungsteinzeit entdeckt: die Siedlung von Tell el-Beidha. Bereits im Mesolithikum lagerten hier zeitweise Menschen und hausten in kleinen runden Lehmziegelhütten. Um 7000 bis etwa 6650 v. Chr. siedelten erneut Menschen an diesem Ort. Sie bauten zuerst runde Hütten, entwickelten mit der Zeit jedoch rechteckige Häuser mit zum Teil mehreren Räumen, Nischen und Vorratskammern. Die Fundamente waren aus Stein. Waren die Bewohner der frühen Phasen von Beidha noch hauptsächlich damit beschäftigt, die Nahrung in der Umgebung ihrer Siedlung zu suchen, so gingen sie in der späten Phase dazu über, Weizen anzubauen und Ziegen zu züchten.
Ein weiterer wichtiger Fundort wurde in der Nähe der Hauptstadt Amman erforscht. Die relativ große neolithische Siedlung Ain Ghazal war von etwa 7300 – 5000 v. Chr. bewohnt. Wegen der nahen Quelle des Flusses Nahr ez-Zarka war wohl für eine ausreichende Wasserversorgung der Bevölkerung gesorgt. Die Bewohner von Ain Ghazal betrieben Ackerbau und Viehzucht. Rechteckige Häuser reihten sich an bis zu zweieinhalb Meter breiten Straßenzügen. Ein steinernes Gebäude konnte als Tempel identifiziert werden. Auch Begräbnisformen und Ahnenkult konnten erforscht werden. In religiösem Zusammenhang stehen vermutlich die in großen Begräbnisgruben gefundenen Gesichtsmasken und Statuen aus Schilfbündeln mit einem Gipsüberzug aus Kalk und Lehm, die vielleicht Ahnen oder Götter darstellen sollten. Diese beeindruckenden steinzeitlichen Figuren können heute im Museum von Amman besichtigt werden. In Ain Ghazal ließ sich archäologisch der Übergang vom vorkeramischen zum keramischen Neolithikum erforschen. Die Menschen lernten zu töpfern und somit die Vorratswirtschaft auszubauen.
Der bedeutendste Fundort aus dem Neolithikum liegt auf palästinensischer Seite am Jordan in der Nähe des Toten Meeres: der Siedlungshügel „Tell es-Sultan“ in Jericho, die somit die älteste, heute noch besiedelte Stadt der Welt ist. Hier konnten die Wissenschaftler den Übergang vom vorkeramischen zum keramischen Neolithikum verfolgen. Außerdem wurden Befestigungsanlagen und ein steinerner Rundturm aus dem 8. Jahrtausend v. Chr. ausgegraben. Totenschädel mit Gipsüberzug, die man bei Bestattungen in Jericho gefunden hat, erinnern an die Figuren aus Ain Ghazal und stehen vermutlich mit dem Totenkult in Verbindung. Die Toten wurden in Gruben unter den Fußböden der Häuser bestattet. Die Schädel wurden von den Skeletten getrennt, mit Gips überzogen und mit Muscheln als Augenersatz getrennt vom Körper bestattet. Die Bewohner Jerichos bauten Emmer, Gerste und Hülsenfrüchte an und züchteten Schafe und Ziegen
In der Kupfersteinzeit (Chalkolithikum, ca. 4000 – 3200 v. Chr.), tauchten neue Siedlungen auf, die mehr und mehr einer frühen Stadt glichen. Kennzeichen dieser Epoche ist neben der frühen Metallverarbeitung (Kupfer) die verstärkte Spezialisierung der Handwerker und womöglich eine Herausbildung von regelrechten Berufsgruppen. Das Schnitzhandwerk und die Keramikherstellung wurden verfeinert und Handel getrieben. Doch auch in den Siedlungen des Chalkolithikums lebte die Mehrheit der Bevölkerung direkt von Landwirtschaft, die an vielen Orten Oasenwirtschaft war.
Ein interessanter, archäologischer Fundort aus der Kupfersteinzeit ist die Ruinenstadt Tell Jawa am Wadi Rajil in der trockenen Basaltwüste, die sich weit nordöstlich von Amman entlang der syrischen Grenze erstreckt. Die Blütezeit dieser frühgeschichtlichen Stadt war zwischen 3750 und 3350 v. Chr. Mauern und Befestigungsanlagen umgaben die ganze Stadt, und in ihrem Kern war die höher gelegene Oberstadt nochmals von einem inneren Mauerring umgeben. Spannend ist die Frage, was die Menschen damals bewog, ausgerechnet in dieser Wüstenregion eine hoch entwickelte Stadt zu errichten, und wie sie es schafften, die bis zu 5.000 Menschen umfassende Bevölkerung fernab der Flüsse mit Wasser zu versorgen. Tatsächlich stauten sie das jährliche Winterregenwasser der seltenen Niederschläge mit hohen Dämmen in Stauteichen, um über das ganze Jahr Wasservorräte gespeichert zu haben. Vermutlich konnten sie so mit dem gestauten Wasser Oasenwirtschaft betreiben. Außerdem lag die Stadt von Tell Jawa auf halber Strecke zwischen Mesopotamien und Palästina und könnte somit auch eine Art Handelspunkt der prähistorischen Karawanenrouten gewesen sein. In Mesopotamien entfaltete sich nämlich zu jener Zeit eine Frühstufe der sumerischen Hochkultur (späte Obed-Zeit und frühe Uruk-Zeit). Zum Ende des 4. Jahrtausends wurde die Stadt aufgegeben.
Eine andere bedeutende Siedlung aus dem Chalkolithikum, die man in Jordanien ausgegraben hat, ist Teleilat el-Ghassul in der Nähe des Jordans und des Toten Meeres, unweit von Jericho. Auch dieser Ort erlebte seine Blütezeit im vierten Jahrtausend v. Chr. Frühe Siedlungsschichten weisen sogar ins 5. Jahrtausend zurück. Im Gegensatz zur Stadt von Tell Jawa war die Stadt nicht befestigt. In den jüngeren Siedlungsschichten gab es zwischen den Lehmziegelhäusern sogar gepflasterte Wege. Die meist rechteckigen Häuser waren verputzt, und manchmal sogar mit Fresken dekoriert. Ein besonderer Fund ist ein kunstvolles Sternenbild des Nachthimmels, das in den Farben Schwarz, Weiß, Rot und Gelb aufgetragen war. Die Toten wurden nicht mehr innerhalb der Wohnsiedlung bestattet, wie bei den Siedlungen des Neolithikums, sondern in Schachtgräbern außerhalb der Wohnstadt. Die Keramik, die man in den Häusern von Ghassul gefunden hat, weist auf kulturelle Einflüsse Mesopotamiens hin. Vielleicht gab es Handelskontakte, vielleicht kamen aber auch Siedler aus dem Zweistromland. In den Gräbern hat man zudem vereinzelte Gegenstände aus Kupfer gefunden.
Einen einführenden Überblick über die Vor- und Frühgeschichte Jordaniens erhält der Reisende im Museum von Amman. Dort sind auch die bedeutendsten archäologischen Funde aus den prähistorischen Epochen ausgestellt.
Auswahl weiterführender Literatur:
- Helms, Svend W., Jawa. Lost City in the Black Desert, London 1981.
- Helms, Svend W. und A. W. Betts, R. Unger-Hamilton, N. Vaillant, A. V. G. Betts, Excavations at Jawa 1972-1986: Stratigraphy, Pottery, and Other Finds, Edinburgh 1991.
- Kenyon, Kathleen, Archaeology in the Holy Land, London 1979 (4. Aufl.).
- Mellaart, James, The Neolithic of the Near East, London 1975.
- Rollefson, Gary. O., „Ain Ghazal: Die größte bekannte neolithische Siedlung“, in: Göran Burenhult (et. Al.), Die Menschen der Steinzeit, Hamburg 2000.
- Vogel, Alexius, Die kupfersteinzeitlichen Dämme von Jawa in Jordanien, in: Historische Talsperren 2, Garbrecht, (Hrsg.: DVWK, Wittwer), Stuttgart 1991.
- Weippert, Helga, Palästina in vorhellenistischer Zeit, (Handbuch der Archäologie, Vorderasien Band 2/1), München 1988.
Autor dieses Artikels: M.Hüneburg