Die Geschichte Jordaniens im Überblick

Jordanien ist wie die umliegenden Länder ein modernes Staatskonstrukt. Die Grenzziehungen folgen in etwa dem, was Briten und Franzosen im Sykes-Picot-Abkommen 1916 vereinbart hatten, als die zwei Kolonialmächte während des Ersten Weltkrieges und dem Untergang des Osmanischen Reiches den Nahen Osten unter sich aufteilten. Ein historischer Überblick, der weiter in die Geschichte zurückgreifen möchte, muss somit über die Region Transjordaniens hinausblicken und Palästina und Syrien einbeziehen.

Vor- und Frühgeschichte (ca. 700.000 – 3200 v. Chr.)

Der Nahe Osten ist in zweierlei Hinsicht prähistorisch interessant. Zum einen scheinen bereits in der Altsteinzeit (Paläolithikum, ca. 700.000 – 16.000 v. Chr.) und in der Mittelsteinzeit (Mesolithikum, ca. 16.000 – 8.500 v. Chr.) erste Jäger und Sammler durch dieses Gebiet gezogen sein, das eine Landbrücke für die Verbreitung der Menschen von Afrika nach Eurasien war. Ihre Aufenthalte lassen sich an den Spuren, Steinwergzeugen und Knochenfunden verschiedener Lagerplätze nachweisen. Zum anderen lässt an mehreren Fundorten archäologisch nachweisen, wie sich während der Jungsteinzeit (Neolithikum, ca. 8500 – 4000 v. Chr.) die neolithische Revolution vollzog (d.h. der Übergang von der Lebensweise der Jäger und Sammler zum Ackerbau und zur Viehzucht bzw. von der Nahrungssuche zur Nahrungsproduktion). Besondere Fundorte früher neolithischer Besiedlung sind Jericho (auf der Westbank am Toten Meer), Beidha (bei Petra) und Ain Ghazal (in Amman). In der Kupfersteinzeit (Chalkolithikum, ca. 4000 – 3200 v. Chr.) entstehen erste große städteähnliche Siedlungen (z.B. Jawa in Nordost-Jordanien).

Kulturen der Bronzezeit (ca. 3200 – 1200 v. Chr.)

Während der frühen Bronzezeit siedeln zunehmend Semiten, die aus dem palästinisch-syrischen Raum und Mesopotamien kommen, auch in den Gebieten östlich des Jordan. Parallel zu den Nomadenstämmen der Region entwickeln sich Städte mit urbaner Architektur, Tempeln und Befestigungsanlagen.  Man spricht von der Kanaanitischen Kultur. Allerdings ist während der Mittleren und Späten Bronzezeit die Region östlich des Jordan weit weniger besiedelt als westlich davon. Zudem gibt es Schwankungen zwischen Phasen stärkere Besiedlung und Phasen verstärkten Nomadentums. Weiterhin liegen die jordanischen Siedlungen abseits der großen Routen durch Palästina, auf denen in der späten Bronzezeit die ägyptischen Pharaonen ihre Eroberungszüge durchführen.

Semitische Königreiche im Jordanland und fremde Eroberer aus Assyrien und Babylonien (1200 – 539 v. Chr.)

Die Einsenzeit in der südlichen Levante ist geprägt vom spannungsreichen Verhältnis der israelitischen Stämme, die nicht nur westlich des Jordan, sondern auch östlich davon z.B. in der Region Gilead siedeln, mit den umliegenden Stämmen und Völkerschaften, insbesondere den Aramäern im Nordosten und den Kleinkönigreichen Ammon, Moab und Edom im Osten und Südosten. Hinzu kommen Feldzüge der Ägypter unter Schenschonq I. und Necho II. sowie Eroberungszüge der Assyrer und Babylonier, bei denen die südlevantinischen Völker sich den nahöstlichen Großmächten tributpflichtig unterwerfen müssen.

Persische Herrschaft und Hellenistische Zeit (539 – 37 v. Chr.)

Im 6. Jahrhundert wird Persien die Hegemonialmacht im Vorderen Orient. Der persische König Kyros der Große erobert Mesopotamien, Syrien und Palästina. Die Regionen Ammon, Moab und Edom werden dem Perserreich einverleibt und werden Grenzgebiet zu den unabhängigen Regionen der Nomaden im Süden Transjordaniens. Die Wende kommt mit Alexander dem Großen. Auf seinem Eroberungsfeldzug durch das Perserreich zieht er auf dem Weg nach Ägypten und Mesopotamien auch durch die Länder der Levante. Nach dem Zusammenbruch des Alexanderreiches geraten die Regionen Palästinas und Transjordaniens abwechselnd in die Hände verschiedener Diadochenstaaten: dem Reich der Ptolemäer in Ägypten und dem Reich der Seleukiden in Syrien und Mesopotamien. Die Kultur des Nahen Ostens wird durch den griechischen Einfluss stark hellenisiert, allerdings bleibt gerade im Raum Palästina/Jordanien der semitische Einfluss groß. Die Nabatäer können weitestgehend ihre Unabhängigkeit aufrechterhalten und kontrollieren den Karawanenhandel durch die Wüste.

Das Reich der Nabatäer (ca. 400 v. Chr. –  106 n. Chr.)

Im 5. Jahrhundert v. Chr. zum ersten Mal urkundlich erwähnt, sickern die semitischen Nabatäer vermutlich schon zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. als Nomaden von der arabischen Halbinsel in das Gebiet südlich des Toten Meeres. Im 4. Jahrhundert v. Chr. siedeln sie verstärkt im ehemaligen Stammesgebiet der Edomiter und gründen Handelspunkte für den Karawanenhandel. Einige Handelsstationen entwickeln sich später zu Wüstenstädten, darunter die berühmte Felsenstadt Petra.  Durch die Kontrolle wichtiger Karawanenrouten gewinnen die Nabatäer an politischer und wirtschaftlicher Bedeutung in der Region. Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. schließen sich die Stammesverbände der Nabatäer zu einem Staatsgebilde zusammen, das von Königen regiert wird. Sie expandieren auf dem Sinai und ziehen im Norden sogar bis Damaskus. Um 106 n. Chr. wird der Staat der Nabatäer vom Kaiser Trajan dem römischen Reich als Provinz Arabia eingegliedert.

Römische und Byzantinischer Herrschaft (63 v. Chr. – 636 n. Chr.)

Pompejus bringt durch seine Feldzüge Palästina unter römischen Einfluss, zunächst nur indirekt über Vasallenkönige, dann, unter Kaiser Augustus, ab 6. n. Chr. direkt von römischen Präfekten als Provinz verwaltet. Das Transjordanland, in dem sich die zehn bedeutendsten Städte zum Bund der Dekapolis zusammenschließen und insbesondere die Region „Nabataea“ werden zu halbautonomen Pufferstaaten gegen die Beduinenstämme der Wüste. Um 106 n. Chr. wird mit dem Nabatäerreich die letzte Region Transjordaniens offiziell dem römischen Reich einverleibt und der Provinz Arabia zugeordnet. Nach der römischen Reichsteilung im Jahre 395 werden die Regionen Syriens, Palästinas und Transjordaniens als Provinzen des Oströmischen Reiches von Byzanz/Konstantinopel aus regiert. Die zunehmende Christianisierung des Mittelmeerraumes ist auch in Jordanien spürbar. Zahlreiche Gemeinden werden gegründet und Kirchen und Basiliken errichtet.  614 bis 627 besetzen die Perser die Region. Eine byzantinische Rückeroberung ist nur von kurzer Dauer, denn schon bald kommt mit den Arabern und dem Islam eine neue Vorherrschaft.

Arabische Herrschaft und früher Islam (636 – 1099)

Die von dem Propheten Mohammed (um 570 – 632) gestiftete neue Religion des Islam verbreitet sich über die ganze arabische Halbinsel. Unter seinen Nachfolgern, den sogenannten Wahlkalifen, und der anschließenden Herrschaftsdynastie der Omayyaden verbreitet sich im Zuge der arabischen Eroberungen der Islam im Westen bis nach Marokko und Spanien und im Osten bis nach Indien. Palästina und Transjordanien werden schon unter Omar in den Jahren 635 bis 638 erobert. Mit der Verbreitung des Islam verbreitet sich auch die arabische Sprache, weil der Koran nicht übersetzt werden darf. Durch die geographische, ethnische, sprachliche und kulturelle Nähe Jordaniens zum Herz der arabischen Halbinsel wird die Bevölkerung der Region sehr schnell Teil des arabischen Kernlandes. Unter den Omayyaden wird Damaskus Residenz der Kalifen. Einige Schlösser und Paläste werden auch in Amman und in der Jordanischen Wüste errichtet. Unter den Abbasiden, die ihre Residenz nach Bagdad verlegen, nimmt in Jordanien die Bautätigkeit der Kalifen ab.

Kreuzzüge und Kreuzfahrerstaaten (1099 – 1291)

Nach Besetzung Jerusalems durch die islamischen Seldschuken (1070) und unter dem Eindruck der zunehmenden Islamisierung des Heiligen Landes ruft 1095 Papst Urban II. zum Kreuzzug gegen die Heiden auf. Bereits im Jahr 1099 kann das erste Kreuzfahrerheer Jerusalem erobern. Es kommt zu weiteren Eroberungen palästinischer Städte und zur Gründung christlicher Kreuzfahrerstaaten nach europäischem Feudalmuster. Weitere Kreuzzüge und verlustreiche Kriege mit den muslimischen Staaten der Region und die zumeist aus Ägypten kommenden militärischen Gegenvorstöße der islamischen Dynastien, der Fatimiden, Ayyubiden (Sultan Saladin) und schließlich der Mamelucken, zermürben die Kreuzfahrerbewegung. 1291 endet mit dem Fall Akkos die Kreuzfahrerzeit. Nicht nur in Palästina und Syrien, sondern auch in Transjordanien hinterlassen die Kreuzfahrer zahlreiche Burgen und Befestigungsbauten.

Fremdherrschaft der Mamelucken und Osmanen (1291 – 1917)

Im 13. Jahrhundert dringen von Ägypten aus die muslimischen Mamelucken nach Palästina, Jordanien und Syrien vor und vertreiben die Kreuzfahrer. Sie dominieren für die nächsten zwei Jahrhunderte die Region, von einigen Einfällen der Mongolen abgesehen. Das Land wird verwüstet und die Bevölkerungszahl nimmt ab. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts kommt eine neue Großmacht auf den Plan: Der türkische Sultan Selim I. besiegt 1516 bei Aleppo in Syrien das Heer der Mamelucken und kann in den Jahren 1517 – 1518 große Teile Palästinas und Jordaniens erobern. Jordanien wird allerdings zum dünn besiedelten Randgebiet der levantinischen Provinz des Osmanisch-Türkischen Reiches. Die Bevölkerungszahl nimmt weiterhin ab und viele ehemals landwirtschaftliche Gebiete werden Beduinenland. Von strategischer Bedeutung bleibt allerdings die Pilgerroute nach Mekka, die von Damaskus aus gen Süden durch das jordanische Kernland ins arabische Hedschasgebiet führt.

Britische Mandatszeit (1917 – 1948)

Der Erste Weltkrieg (1914-1918) bringt das Osmanisch-Türkische Reich ins Wanken. Da es auf Seiten Deutschlands und Österreich-Ungarns in den Krieg eintritt, hat es sich gegen die militärischen Operationen Großbritanniens und Frankreichs zu wehren. Um das Osmanische Reich von innen zu schwächen, unterstützen die Briten einen pan-arabischen Aufstand unter Vortäuschung des Versprechens, die arabischen Länder in die Unabhängigkeit zu begleiten. Tatsächlich beschließen die Briten und Franzosen mit dem Sykes-Picot-Abkommen von 1916 die Aufteilung des Nahen Ostens in britische und französische Interessensgebiete. Nach dem Krieg werden Syrien und der Libanon unter französische sowie Palästina, Jordanien und der Irak unter britische Militärverwaltung gestellt. Wenige Jahre später wird die Region Palästina/Jordanien durch den Völkerbund zum britischen Mandatsgebiet erklärt. Der haschemitische Scheich Abdullah, Sohn von Scherif Hussein, darf unter britischer Oberhoheit als König (Emir) das Land semiautonom regieren.

Der moderne Staat Jordanien (1946 bis heute)

Am 25. Mai 1946 entlässt Großbritannien das Mandatsgebiet Transjordanien in die Unabhängigkeit. Jordanien wird ein souveräner Staat, eine Monarchie unter König Abdullah, dem Haschemiten-König aus dem Hedschas. Das benachbarte Palästina bleibt zunächst britisches Mandatsgebiet, wird erst 1948 in die staatliche Souveränität entlassen. Es kommt unmittelbar zum pan-arabischen Waffengang gegen Israel, da die islamisch-arabischen Länder gegen die Gründung eines jüdischen Staates und bei der UNO-Vollversammlung gegen den Teilungsplan der Vereinten Nationen, Palästina in einen jüdischen und einen palästinensischen Staat zu teilen, gestimmt haben. Truppen aus Syrien und Jordanien marschieren in die Westbank und Ostjerusalem ein. 1950 kommt es zur offiziellen Erklärung der Vereinigung der Westbank und Transjordaniens zum Königreich Jordanien. Nach der Ermordung Abdullahs folgt sein Sohn Talal, der den Thron zugunsten des Enkels Hussein abgibt. Der Versuch einer pan-arabischen Staatsbildung mit dem Irak (1958) scheitert, ebenso ein ähnlicher Plan mit Saudi-Arabien (1962). Im Sechstagekrieg (1967) verliert Jordanien die Westbank an Israel. Zahlreiche Palästinenser fliehen nach Jordanien und machen seitdem einen hohen jordanischen Bevölkerungsanteil aus. 1974 verzichtet Jordanien offiziell auf die Westbank zugunsten eines eventuell möglichen unabhängigen palästinensischen Staates. 1994 beendet Jordanien den offiziellen Kriegszustand mit Israel. Nach dem Tode Husseins folgt ihm sein Sohn Abdullah II. auf den Thron. Heute steht Jordanien im Spannungsfeld zwischen arabischen Loyalitäten und Annäherung an den Westen. 

Autor dieses Artikels: M.Hüneburg